Immer wenn mich Japaner (oder Europäer via Skype oder Mail) fragen was denn der große Unterschied zwischen Japan und Österreich ist bin ich sprachlos. Nicht so sehr weil mir keine Unterschiede einfallen, sondern viel mehr weil ich das so schlecht in Worte fassen kann. Die Kultur ist einfach in vieler Hinsicht völlig anders.
Hier ist es völlig normal, dass 14 jährige Mädchen Röcke tragen die kürzer sind als normale Boxershorts. Der かわいい overkill mit Hello Kitty und diversen anderen mehr oder weniger süßen Figürchen, die tausenden kleiner wollig-flauschigen Anhänger und Verzierungen und der Kindliche look von erwachsenen Japanerinnen sind meiner Meinung nach alles nur Dinge die an der Oberfläche kratzen. Genau so wie die Bereitwilligkeit bis spät in die Nacht zu arbeiten, völlig erschöpft ins Bett zu fallen und am nächsten morgen früh aufstehen, nur um dann wieder in die Arbeit zu hasten.
Mittlerweile geht mir das fast schon ab wenn ich einmal einen freien Tag habe. Unverplante Zeit welch Horror!
Aber genau genommen sagt das noch gar nichts darüber aus wie anders manche Dinge hier aufgefasst werden. Deshalb gefallen mir japanische Plakate so gut. Da ist meist relativ klar was für eine Emotion geweckt werden soll, nur oft genug ist mein Empfinden völlig Konträr zu dem was ich erwartet hätte.

Das Plakat wirbt nicht etwa gegen Vergewaltigungen von Highschool Students, sondern dafür einen Brief an das eigene Selbst in der Zukunft zu schreiben. Dabei hebt die Post die Briefe für einige Zeit auf und nach ein paar Jahren kann man sich dann über die eigenen Gedanken amüsieren. Fast wie Tagebuch schreiben, nur ohne Eltern die es lesen können.
Ich habe übrigens auch eine Karte mit einer Anlaufstelle bei Sexueller Belästigung gefunden. Die hatte Hello Kitty als Titelfigur -- kein Scherz!
In dem Sinne wünsche ich euch allen ein Merry Happy Christmas und geh dann mein Weihnachts-Labmeeting genießen.
Und für alle die das falsch verstehen das Labmeeting ist keine Weihnachtsfeier, sondern ein wöchentliches Treffen bei dem die Forschungsergebnisse der letzten Woche präsentiert und kritisiert werden. Also Arbeit und kein Vergnügen!
In Japan gibt es eine traditionelle Feier zu Jahresende -- 忘年会 -- wörtlich inetwa vergessen Jahr treffen und bei den meisten dieser Feier wird auch alles gemacht um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Viele meiner Freunde sind froh, wenn sie nach so einer Feier noch halbwegs gerade stehen können -- ans gerade gehen denkt da nämlich eh keiner mehr.
Diesen Sonntag hatten auch wir unser bonenkai und ich war von der Aussicht einen schönen sonnigen Nachmittag mit meinen rein männlichen Arbeitskollegen saufend in einem Haus verbringen zu können voll und ganz begeistert. Vorallem nachdem die alternative Beschäftigung Weihnachtseinkäufe und bewundern der Weihnachtsbeleuchtung mit einer netten Japanerin gewesen wäre, aber wie so oft in Japan ist die Firma wichtiger als die Familie[^1] und so war es nie wirklich eine Frage für welche der zwei Möglichkeiten ich mich entscheiden würde.[^2]
Hat sich dann herausgestellt, dass unser bonenkai unglaublich viel besser war als die meiner Kollegen. Gefeiert wurde im Haus meines Professors,[^3] seine Frau hat für uns gekocht und der französische Professor hat wirklich guten Wein mitgebracht. Es gab praktisch keinen Reis, viel Gemüse und Fleisch und am Ende hat die Frau des Professors auch noch Tee gemacht.
Das ganze Essen muss ein Vermögen gekostet haben, war wirklich gut, niemand musste mehr trinken als er wollte und es gab mehr zu essen und trinken als wir je hätten verputzen können. Gekostet hat uns das ganze nichts. Der Professor hat uns auf das alles eingeladen.
Die Gänge im einzelnen:
- Weichkäseplatte mit eingelegen Anchovis, Austern und Kugelfisch.
- Käsefondue
- Eine große Schüssel mit Fleisch, Gemüse und Nüssen (kein Ahnung was das war)
- Brathendl (drei Stück)
- Rostbraten (drei Stück)
- Nasi Goreng (?) mit Gemüse und Muscheln
- Kuchen und Grüntee-Pudding
- Teezeremonie
Von jedem einzelnen Gang wäre ich satt geworden und so war ich am Ende rund und überglücklich mich für unser Bonenkai entschlossen zu haben. Die Ausgewogenheit zwischen japanischer Kultur und wirklich gutem Essen war einfach perfekt. Höchst wahrscheinlich das beste Treffen, dass ich bisher in Japan hatte -- eindeutig viel besser als die Halloween-Party, die bisher relativ weit oben kursiert ist.
Irgendwie entschädigt so eine Feier voll und ganz für die zehn bis zwölf Stunden die ich hier pro Tag arbeite.[^4]
[^1]: Es ist übrigens auch verboten jemanden der nicht zur Gruppe gehört mitzubringen
[^2]: Der zweite Austauschstudent in meinem Lab ist unglücklicher Weise in letzter Sekunde krank geworden und hat deshalb der Feier nicht beiwohnen können
[^3]: Normalerweise feiert man in irgendeinem halbwegs billigem Lokal
[^4]: Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass das in Österreich genau so währe. Hier ist das Arbeitsklima einfach völlig anders