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Packet

Adresse ohne Namen Für Japaner muss ich ein ganz besonderer Fall sein. Bis jetzt ist es mir noch nie gelungen sowohl meinen Namen als auch meine Zimmernummer auf die Rechnung für mein Heim zu schreiben. Ich bekomme also jedes Monat aufs Neue einen Brief von der Heimleitung in dem sie mich höflich bitten beides zu benutzen, weil sie sonst Probleme haben mein Geld zuzuordnen. Diesmal war der Teil mit Name und Zimmernummer sogar in rot geschrieben -- sicherheitshalber auch noch auf japanisch -- und doppelt unterstrichen.

Es ist nicht so als ob ich da nicht daran denken würde -- ganz im Gegenteil diese blöde Rechnung einzuzahlen bereitet mir meistens tagelange Kopfzerbrechen. Ich versuche immer einen der Studenten hier zu überreden das für mich am Computer auszufüllen und die brauchen dann auch 5-10 Minuten um sich durch den ganz normalen Wahnsinn von 6 verschiedenen Schriften durchzukämpfen.[^1] Das endet dann meist in Copy und Paste Orgien und mehreren Versuchen, bis es endlich funktioniert. Irgendwo dazwischen vergisst der Computer dann schon vorher eingetragene Dinge und meine Rechnungen enden ohne Name oder Zimmernummer.

Wie dem auch sei gleichzeitig mit der letzten Rechnung, die meine Unfähigkeit Geld zu überweise besonders deutlich hervorgestrichen hat, war auch ein Zettel an meine Türe geklebt.

Please come to the office we have to talk to you

Großartig. Zwanzig bis dreißig Minuten Belehrung darüber wie man Geld richtig überweist, in gebrochenem Englisch, wo ich die Überweisungen nicht einmal selber tätige, ist genau das womit ich meinen Tag beginnen möchte.

Wir haben da ein Paket ohne Namen, ist das für Sie?
Äh ja das kommt von einer bekannten aus Österreich, sie hat vergessen den Namen anzugeben.
Ja das haben wir uns schon gedacht. Der Name und die Adresse sind bei uns sehr wichtig.

Ich möchte gar nicht wissen was der Heimwart mittlerweile über Österreicher denkt. Das sind für ihn wohl die Verrückten, die es nicht schaffen Name und Adresse zugleich zu verwenden. Wie dem auch sei die Kekse und ein Heimwart der Österreicher für Barbaren hält sind mir lieber als keine Kekse und für unfähig hat er mich sicher schon länger gehalten.

PS: Die Adresse ist auch falsche. Ich wohne in Shirokanedai nicht Shirokanedal

[^1]: Kein Scherz der unterschied zwischen halbe und ganze Schriftbreite bei Computern ist oft fatal

japanischer Frisör

In Österreich bin ich ja nicht unbedingt ein Fan von Frisören. Für mich sind sie eher ein notwendiges Übel, dass dank meines wuchernden Haarwuchses, einmal alle fünf bis sechs Wochen über mich kommt. Danach sind die Haare überall, alles juckt und ich muss mir 2-3 mal die Haare waschen bis die meisten der geschnittenen Haare dann auch endlich meinen Kopf verlassen haben. Diese Erfahrungen aus Österreich plus meiner Unfähigkeit meine Wünsche einer japanischen Frisörin mitzuteilen -- ich kann: schneiden, bitte, kurz, lange und Angaben in Zentimeter und Millimeter von mir geben -- haben mich, neben einem akuten Freizeitmangel, bis jetzt immer davon abgehalten zum Frisör zu gehen.

In den fast drei Monaten die ich jetzt schon in Japan bin, sind meine Haare allerdings auf unangenehm wuchrige Ausmaße angewachsen und so blieb mir nichts anderes mehr übrig als in den sauren Apfel zu beißen und einen Frisörsalon aufzusuchen. Drei- bis Viertausend Yen[^1] sind zwar etwas mehr als ich bei uns zahlen würde, aber noch immer sehr erträglich, wenn man bedenkt, dass hier eigentlich alles etwas teurer ist.

Wie immer in Japan begrüßt mich beim Betreten jeder Angestellte in dem Salon mit einer Verbeugung, einem freundlichen Willkommen und einem Lächeln.

Sehr geehrter Kunde, haben sie einen Termin?

Wie cool ist das! Ich verstehe haben sie einen Termin auf japanisch -- leider habe ich keinen.

Macht aber gar nichts, weil wenn ich bereit bin kurz zu warten können sie mich auch so dran nehmen. Keine zwei Minute später -- bei den meisten Frisören in Österreich wartet man mit Termin länger -- versucht ich meiner Frisörin zu erklären, dass ich mit allem was sie mit mir anstellt zufrieden sein werde und während österreichische Frisöre dann völlig nutzlose Fragen stellen würden, die ich eh nicht beantworten könnte, denkt die Japanerin kurz nach, zeigt mir dann ein Bild von dem was sie für vernünftig hält und fängt, nachdem ich meine Zustimmung gegeben habe, an. Das heißt sie bittet ihre Kollegin mir, so wie in Österreich auch, zuerst einmal die Haare zu waschen.

Dann kommt das eigentliche Schneiden. Während ich mir in Österreich nie sicher bin ob sie mir beim Ausdünnen nicht einfach ein paar Büschel Haare Ausreißen, ist das hier nicht nur nicht unangenehm, sondern wirklich angenehm. Kein ungut kratziger Papierkragen, kein Herumdrehen am Kopf, kein Zupfen, keine lästigen Forderungen wie man den Kopf jetzt halten soll -- einfach nur entspannend. So wie wenn man 15 Minuten lange den Kopf gekrault bekommt. Jedes mal wenn sie in die Haare greift habe ich das Gefühl sie genießt das wirklich.[^2] Am Ende kommt sie dann mit dem Spiegel und man darf das Ergebnis betrachten.

Sehr nett.

Dann bittet sie mich aufzustehen und mitzukommen -- noch einmal zum Waschen, diesmal mit Conditioner, dann gibt es eine entspannende Kopf und Schulter Massage, dann noch einmal kurz nach schneiden, Ausblasen, Stylen und am Schluss begleiten mich alle drei, die Haarwäscherin, die Frisörin und die Massöse zum Lift, verbeugen sich noch einmal, bedanken sich für meinen Besuch und wünschen mir einen schönen Tag.

Am liebsten würde ich ja nächste Woche wieder hingehen, aber meine Haare wachsen leider so langsam, dass ich nur alle drei bis vier Wochen zum Frisör muss.

[^1]: inetwa 25 Euro bei dem derzeitigen Wechselkurs [^2]: Japanische Mädchen finden europäisches Haar sehr nett, weil es so weich und flauschig ist -- wie bei einem teuren Plüschtier, aber ich bin mir nicht sicher ob das bei einer Frisörin wirklich eine Rolle spielt

Giftschein

Ein Totenkopf mit Augenaufschlag Ich arbeite hier teilweise mit echt gesunden Stoffen wie zum Beispiel Fluor und Chlor Gasen zum Plasmaätzen und manchmal steht auch irgendwo Brom herum. Das sind jetzt nur die Chemikalien die ich benutze und die nicht in einem Giftschrank versperrt sind, aber natürlich haben wir auch einen Giftschrank im Labor -- für die wirklich giftigen Substanzen.

Nachdem hier in Japan, noch mehr als in Österreich, alles mit rechten Dingen zugehen muss, und man eigentlich einen Giftschein braucht um mit diesen Substanzen hantieren zu dürfen, habe ich einen Intensivkurs, um giftige Substanzen handhaben zu dürfen, gemacht. Ein Nachmittag lange Vorlesungen, die ich praktisch durchgeschlafen habe, ein Multiple Choice Test, den ich von meinem Sitznachbarn, der aufgepasst hat, abgeschrieben habe, und eine sicherlich völlig Fade Tour durch die Müllaufbereitungsanlage später sollte ich den Schein in Händen halten.

Stellt sich heraus, dass die Tour durch die Müllverwertung der Todai nicht nur nicht fad, sondern sogar sehr spannend war. Ich habe zwar, abgesehen von den Ätzeigenschaften auf ZnO, noch immer keine Ahnung was für Chemikalien was machen,[^1] aber wenigstens habe ich jetzt eine Ahnung wie der toxische Müll ordnungsgemäß entsorgt wird.

Außerdem kann ich in den nächsten drei Jahren -- so lange gilt der Schein -- die coolen Chemikalien bestellen, jedenfalls solange ich die Kanji dafür schreiben kann, weil hier in Japan werde nur vollständig in japanisch, ohne chemische Abkürzungen wie Cl2 HF oder gar CF4, ausgefüllte Zettel akzeptiert.

Das Bild beschreibt übrigens das interessante Verhältnis, das hier zu reizenden Stoffen -- wie Highschool Students oder giftigen Chemikalien -- besteht, sehr gut.

[^1]: Fluor ist angeblich nicht so gut für Knochen (ist ja auch in der Zahnpasta drinnen) und Chlor tötet anscheinend mehr als nur Bakterien, also auch die lästigen Kakerlaken, wenn man sie damit einsprüht