Jahresbeginn
Neujahr ist in Japan inetwa das was bei uns Weihnachten ist. Ein großes Fest, bei dem die ganze Familie zusammen kommt und man viel gutes Essen isst und -- eventuell nicht ganz wie bei uns -- viel Alkohol trinkt. Natürlich wollte ich das um jeden Preis mit einer japanischen Familie erleben und so war ich sehr erfreut, als mich ein japanischer Freund zu seiner Familie nach Hause eingeladen hat. Was sind schon 10.000 Yen für den Shinkansen nach Niigata,[^1] wenn ich dann dafür vier Tage lang Japan pur erleben darf.
Niigata ist, wohl das Kontrastprogram schlechthin für gestresste Todaisei. Die Häuser sind hier ein bis zweistöckig und irgendwo zwischen sehr traditionell und komplett traditionell eingerichtet. In den vier Tagen hier bin ich kein einziges Mal auf einem Sessel gesessen, habe auf einem Futon geschlafen und praktisch alle Räume waren mit Tatamis ausgelegt. Die Türen waren praktisch alle mit Reispapier verkleidete Schiebetüren. Nur die Eingangstüren und Badezimmertüren hatten Glas anstatt Reispapier. Jedes Haus hatte nicht nur einen kleinen Schrein, sondern zusätzlich dazu auch ein komplettes Zimmer, dass völlig als Schrein eingerichtet war.[^2]
In den vier Tagen hier habe ich wohl auch mehr japanisch gelernt als je zuvor. Ein Raum mit zehn Leuten, wovon zwei englisch sprechen, aber eigentlich besseres zutun haben als für mich zu übersetzen und eine 80 jährige Uroma, die mit dem merkwürdigen Ausländer in einem schweren Dialekt sprechen will, können das bewirken. Wobei ich muss sagen Uromas wissen wenigstens wie man mit zweijährigen redet und können diese Wissen dann perfekt auf den Ausländer umlegen. Viel schlimmer sind die Familienväter, die den offensichtlich unglaublich intelligenten Studenten der Todai, durch komplexe Satzstruckturen und möglichst komplizierte Wörter beeindrucken wollen, oder Mütter die höflich sprechen. In Japan spricht man nämlich nur dann höflich, wenn man für die wenigen Dinge die ich kenne, Worte verwendet, die ich noch nie zuvor gehört habe und das ganze mit Grammatik würzt die sonst wohl nur beim Besuch vom Tenno hervorgekramt wird. Wenn da nicht so Füllworte gewesen wären die mir entfernt bekannt vorgekommen sind, hätte ich nicht einmal sicher sagen können was für eine Sprache das ist.
Hier ist mir übrigens auch zum ersten mal aufgefallen wie viel Englisch die Leute in Tokyo eigentlich sprechen. Hier am Land ist man ohne Japanischkenntnisse einfach nur hoffnungslos verloren. Hier spricht de facto niemand mehr genug Englisch um auch nur den Hauch einer Chance zu haben wenn man nach dem Weg fragen will und die kleinen Geschäfte haben auch keine digitalen Anzeigen. Wer keine Zahlen versteht hält besser deutlich zu viel Geld hin und lächelt freundlich.
Wie dem auch sei. Unzählige Festmahle, japanische Spezialitäten, Blicke auf das merkwürdige Alien,[^3] Komplimente an meine eindeutig überragende Intelligenz[^4] und zwei Autogramme später bin ich dann glücklich und verwöhnt ins hektische Tokyo zurückgekehrt. Niigata war genial und sicher einer der schönsten Einblicke in die japanische Kultur die ich je hatte, aber auf Dauer möchte ich es nicht gegen Tokyo tauschen müssen.
Hier hatte ich mehr als 8 Stunden Schlaf pro Tag, gute Luft, keinen Lärm von diversen Spielhallen, keine redenden Aufzüge[^5] und meistens mehr als Armlänge Abstand zum nächsten Menschen. Da kann man sich auf Dauer ja nur verlassen vorkommen. Der völlig überfüllte Shinkansen in dem ich dann die zwei Stunden nach Tokyo so dicht gepackt wie normalerweise nur in der U-Bahn zu Stoßzeiten gestanden bin hat mich dann allerdings wieder richtig auf Tokyo vorbereitet.
Fotos gibts wie so oft auf Flickr.
[^1]: in eine Richtung [^2]: Bilder gibt es keine davon. Ich fotografiere schon ungerne in Kirchen, da ist ein Familienschrein völlig außer Frage [^3]: Kinder haben nicht nur interessiert geschaut, sondern mich entweder als Dämon, oder als Riese bezeichnet [^4]: Wenn sie sich mit Todai abgefunden haben, dann wurde sicher etwas anderes wie zB das CERN gefunden [^5]: nicht weil die Aufzüge hier nicht reden würden, sondern weil es keine Aufzüge gab
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Comments
alexander on :
Auf der ganzen Feier hat es nur eine Person gegeben die keinen Kimono getragen hat und das war Kazuya, der mit mir zusammen auf dem Bild zu sehen ist. Alle anderen hatte zumindest etwas Kimono ähnliches an also wäre ich nicht japanischer als die Japaner gewesen, sondern nur gleich japanisch
Und daran, dass jemand den Shinkansen nicht kennen könnte habe ich natürlich nicht gedacht. Es gibt einfach viele Dinge die mir mittlerweile so klar sind, dass ich nicht einmal darüber nachdenke.
Ich genieße meine (Frei) Zeit in vollen Zügen und es freut mich natürlich zu hören, dass euch die Fotos gefallen.
alexander on :
Freut mich, dass dir mein Blog gefällt. Japan ist zwar cool, aber nur solange man hier auf Urlaub ist. Student geht noch, aber hier zu Arbeiten muss die Hölle sein. Da hat man dann wenn es gut geht einen freien Tag pro Woche und über 10h Arbeit pro Tag sind ganz normal. (Ich habe einen Freund der um 6:00 aus dem Haus geht und irgendwann zwischen 10:00 und 12:00 nach Hause kommt)
Wie wenig japanisch man wirklich spricht erkennt man erst, wenn es darum geht wirkliche Inhalte zu transportieren und nicht nur die Vokabel aus dem Buch zu verwenden um einfache Aussagesätze zu bilden. Im Japanischunterricht ratsche ich in einer tour auf japanisch, aber sobald ich dann im Lab sitze und jemanden um etwas bitten will bin ich auf einmal sprachlos. Konditionale Nebensätze sind meine Lieblinge überhaupt!
Versuch einmal zu sagen: Wenn der Professor kommt, sag ihm bitte, dass ich essen gegangen bin :cry:
dp on :
Gerade wollte ich schon lästern, dass du wieder einmal japanischer bist als die Japaner, weil du offensichtlich einen Kimono trägst, im Gegensatz zu deinem Freund neben dir. Aber dann habe ich auf der Foto-Seite herausgefunden, dass das gute Stück nur ausgeborgt war!
Ganz offensichtlich genießt du deine Zeit in Japan und wenn ich mir die Fotos anschaue, hast du auch allen Grund dazu. Es ist schon ein ganz besonderes Erlebnis, traditionelle Feste in einer Familie zu begehen! Ich freue mich für dich, dass du die Möglichkeit dazu hast.
Und im übrigen habe ich wieder einmal Wikipedia bemühen müssen, um sicher zu gehen, dass es sich beim "Shinkansen" um den berühmten Hochgeschwindigkeitszug handelt! Dafür weiß ich jetzt aber auch was "shin" "kan" "sen" bedeutet!
Julia (nicht eingeloggt) on :
Wie immer schöne Fotos. Vielen Dank!
Freut mich auch, dass du ein schönes Neujahrsfest hattest!
Nachträglich nochmal guten Rutsch, Julia
Michael on :
Erstmal ein Hallo meinerseits nach Nippon!
Verfolge deinen Blog jetzt schon eine Weile (bin durch einen Link in Werner's Blog hierher gekommen - ja so kam das) und muss sagen es ist schon interessant zu lesen, was am anderen Ende der Welt so vor sich geht. Vorallem so Geschichten wie eben jene über Neujahr und die Unterschiede zwischen Stadt und Land - man kann es sich so gar nicht vorstellen.
Nun hab ich mich doch glatt dieser Tage, als ich den Schrank mit meinen Uni-Unterlagen mal so durchforstete, dabei ertappt wie ich meine alten Japanisch Unterlagen rausgekramt habe
Ok, ich sollte erwähnen, dass ich diese in meinen Augen höchst interessante und komplexe Sprache nur über zwei Semester hinweg erlernte (1. aufgrund fehlender Kurse und Lehrpersonal welches sich wieder nach Japan verabschiedete, 2. aufgrund von damals zu wenig Zeit) und daher nun kaum brauchbare Sätze zusammenbringen würde
Seit ich dies hier ein wenig verfolge krieg ich aber langsam wieder Lust von vorne anzufangen. Mal sehen ob etwas daraus wird 
Also ich bin schon auf weitere Berichte und Fotos gespannt und wünsche weiterhin Viel Spass und Erfolg!
ciao Michael