Mit Anfang des neuen Semesters habe ich wie jedes Mal den Entschluss gefasst etwas mehr Sport zu betreiben um dem stetigen Muskelschwund, den ich seit meinem Studium in Wien bemerke, wenigstens etwas entgegenzuwirken. Aber es währe wohl wie jedes Jahr bei dem Vorsatz geblieben, wenn da nicht noch mein Bruder Georg gewesen wäre, der neben seiner Freiluftbetätigung bei seinem Job[^1] auch noch eine alternative sportliche Betätigung gebraucht hätte. Seine Wahl fiel auf was vernünftig und bodenständiges -- Boxen.
Aber nachdem Boxen meistens eine Klientel hat, die seinen Ansprüchen nach gehobener Konversation in keinster Weise gerecht werden kann hat er mich gebeten ihn doch für einen Boxkurs im Universitäts-Sportinstitut, dem USI, zu inskribieren. Also ist mir nix anderes übrig geblieben, als auf die Schmelz, dort meldet man sich für USI Kurse an, zu pilgern um den Kurs für ihn zu belegen und wo ich schon mal dort war habe ich mir dann auch gleich was ausgesucht: 合気道 -- Aikido. Frei übersetzt "Weg der harmonischen Kraft" oder noch freundlicher "Der Weg der Harmonie im Zusammenspiel mit der Energie des Universums". Für mich klingt das Mittlerweile immer mehr nach "Der freundliche Weg in den Himmel".
Alle Texte die ich im Vorfeld darüber gelesen habe sprechen von einer sehr harmonischen Sportart bei der es nicht darum geht den Gegner zu besiegen, sondern der gemeinsame Spaß an den fließenden Bewegungen im Vordergrund steht. Um das zu unterstreichen und keinerlei Leistungsdenken aufkommen zu lassen gibt es in Aikido nicht einmal Wettkämpfe.
Mir, als äußerst harmoniebedürftigem Menschen, hat das natürlich auf Anhieb sehr gut gefallen, nur durfte ich schon in der ersten Trainingstunde entdecken, dass Harmonie in Japan nicht unbedingt in Einklang mit Harmonie in Europa steht und so wurde mir die Bedeutung von Nebensätzen die ich bisher einfach überlesen hatte sehr schnell und schmerzhaft klar.
Im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Weltmodelle liegt das Risiko eventueller Blessuren, aber auch die Chance, die Grenzen der eigenen Weltsicht zu überwinden und zu neuer Einsicht zu gelangen. Im Aikido ist dies körperlich erlebbar.
Deutlicher geht es wohl nicht mehr. Noch dazu wo mein Sensei sich entschlossen hat eine besondere, nach eigener Definition, etwas energischere Schule von Aikido zu unterrichten.
Aussagen wie
Aikido gilt als friedfertige Kampfkunst. Der Aikidoka versucht in der Regel den Angreifer nicht zu verletzen, sondern ihn in eine Situation zu führen, in der sich dieser beruhigen kann
kann ich nur bedingt bestätigen.
Zum besseren Verständnis möchte ich hier einmal eine der Techniken, die ich aus Respekt vor den nicht japanisch sprechenden Lesern einmal "Tigerkralle der Todes" nenne, näher beschreiben.[^2]
Dabei nähert sich der Uke (Angreifer) vorsichtig und ergreift dann blitzschnell mit seiner Rechten das rechte Handgelenk des Toris (Verteidiger) um sie gleich wieder loszulassen und möglichst schnell zu flüchten. Der Tori lässt dem üblen Schurken aber keine Chance, ergreift seine Hand, gleitet mit zwei schnellen Schritten hinter den Uke, packt ihn mit der linken seitlich an der Kehle. Kommentar des Senseis dazu: "So kann ich auch gleich seinen Puls prüfen und merke wenn er einen Herzstillstand hat. Außerdem sind da Schmerzpunke" -- Gurgelnder Aufschrei seines Trainingspartners -- "wenn der lästig wird kann man das gleich abstellen" In weiterer Folge drückt man den Kopf des Ukes dann gegen die eigene rechte Schulter, hakt mit dem rechten Ellenbogen[^3] an der Nase ein und wirft den Uke so elegant auf den Rücken.[^4] Eine Aussage von einem der Neulinge war: "Wow das ist toll, da wird der Kopf so hin und her geworfen" -- Ärzte nennen das dann leichte Gehirnerschütterung.
Bei der Übung habe ich eine sehr nette und auch hübsche Trainingspartnerin ausgefasst, die allerdings für Sensei etwas zu sanft zur Sache ging. Nach der zweiten Ermahnung seinerseits habe ich mich dann dazu entschlossen ihr zu helfen und als sie mich so nett umschlungen an ihre Schulter gedrückt hat ganz freundlich ins Ohr geflüstert:
Ich finde Kuscheln ja sehr nett, aber...
Offensichtlich war sie trotz der kleineren Mängel am Anfang sehr fortgeschritten. Ich bin in etwa auf Schulterhöhe in die Horizontale gekommen.
Die Übung des Fallens steigert das eigene Vertrauen und bringt uns dem Traum vom Fliegen näher
Mag ja alles war sein, zurzeit träume ich allerdings noch von weichen Landungen und davon meine Zunge in Zaum halten zu können. Naja mittlerweile kann ich mich wieder weit genug bücken um meine Schuhe alleine zuzubinden und auch Aufstehen geht ohne, dass ich danach kurz innehalten müsste damit sich die Welt aufhört vor Schmerzen zu drehen. Einzig am Rücken schlafen geht noch nicht so ganz und auch das kleine Krusterl neben meiner Halsschlagader ist noch nicht ganz verschwunden.
[^1]: eine besondere Abart des Sprint mit anschließendem Freistielringen, erinnert entfernt an Biathlon
[^2]: Irimi-Nage 入り身投げ -- wenn die Kanji richtig sind bedeutet das inetwa "Eintritt (入り)" und "Tod indem man sich in einen Krater wirft (身投げ)"
[^3]: mittlerweile hat der Uke die rechte Hand schon losgelassen
[^4]: je fortgeschrittener der Tori desto höher über dem Boden erreicht der Uke die Horizontale Lage und kann daher auch eine umso längere Flugphase genießen